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Intoleranz gegenüber Homosexuellen in allen europäischen Kulturen

TERESA KÜCHLER / TRANSLATION ASTRID GRUNERT

11.08.2008 @ 09:05 CET

EUOBSERVER / STOCKHOLM - Die Regenbogen-Fahne war in diesem Sommer vor dem Parlament in Stockholm allerorten präsent, sie wehte von Bussen, Theatern und öffentlichen Gebäuden. Unter für nordische Verhältnisse ungewöhnlich warmen Wetterbedingungen fand in der schwedischen Hauptstadt die diesjährige 10-tätgige EuroPride statt, ein Festival für Lesben, Schwule und Transgender (LGBT).

Homophobie ist in Europa überall präsent: Eine Polizistin überwacht die EuroPride 2008 auf ihrem Zug durch Stockholm (Photo: Stockholm Pride, Kari Lind)

Schweden rühmen sich, die gegenüber Homosexuellen toleranteste Kultur in Europa zu pflegen, während Politiker und Geschäftsleute die homosexuelle Community für ihre Zwecke instrumentalisieren. "Rosa Geld" ist genau so gut wie anderes und LGBTs aus aller Welt ist es letztendlich egal, wer ihre Gönner sind.

Das Spektrum der Sponsoren für das Festival, das am 3. August endete, war weit gespannt und reichte vom Stockholmer Taxiunternehmen, über städtische Theater bis hin zu einer Zigarettenmarke und einem internationalen Ölkonzern.

Die Schwedische Lutherische Kirche richtete einen Kindergarten für Kinder homosexueller Eltern ein. Volvo und IBM organisierten Seminare zur Prävention von Homophobie am Arbeitsplatz.

"Eine kurze Woche im Jahr wird Homosexualität zum Mainstream und damit beinahe langweilig. Auf der Straße sieht man überall Händchen haltende homosexuelle Paare," erzählt Anna, eine lesbische Schriftstellerin und Mutter zweier Kinder gegenüber EUobserver.

Anna schätzt sich selbst glücklich: Ihre beiden Jungen waren in der Schule keinen Anfeindungen und Hänseleien ausgesetzt – ein Umstand, der selbst in Schweden noch eher unüblich ist, wie sie sagt. Aber nicht alle haben so viel Glück.

Der versuchte Mord an einem homosexuellen Paar, der sich in der Nacht des 28. Juli in einer ruhigen Stockholmer Straße ereignete, warf einen Schatten auf die EuroPride 2008. Die Angreifer stießen homosexuellenfeindliche Beschimpfungen aus und stachen einem der Opfer mit Messern wiederholt in die Magengegend. Die Polizei nahm später drei Teenager fest.

Aus allen europäischen Ländern hört man immer wieder Berichte von gewalttätigen Übergriffen auf Homosexuelle und in vielen Fällen schaut die Polizei weg oder ermutigt die Angreifer durch unterlassenes Handeln.

Polizei in der Republik Moldau

"Wir wussten, dass 15 Polizeiautos neben dem Platz parkten, als ein Mob von über hundert Personen uns angriff, aber sie kamen uns nicht zu Hilfe," berichtet die Aktivistin der moldawischen GenderDoc-M Gruppe, Dana Cotici, im Rahmen eines Rechtsseminars im schwedischen Parlament.

Sie zittert bei der Erinnerung an den Überfall in Chisinau im Mai. Etwa sechzig Mitglieder und Sympathisanten von GenderDoc-M, der einzigen Interessengruppe für Rechte von Homosexuellen in der Republik Moldau, wollten mit einem Marsch ihre Unterstützung für ein neues Anti-Diskriminierungsgesetz bekunden und dabei Broschüren, EU-Fahnen und Regenbogen-Ballons verteilen.

Ihr Bus wurde plötzlich von Gruppen maskierter Männer umringt, von denen viele militärische Outfits im Stil der moldawischen neofaschistischen Bewegung der "Neuen Rechten" trugen. Auch Anhänger extremistischer religiöser Gruppierungen waren da, hämmerten an die Bustüren und schrieen: "Holen wir sie raus und schlagen sie zusammen!"

"Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nicht solche Angst," gesteht Frau Cotici. Als sie die Notrufnummer der Polizei wählte, bekam sie zur Antwort: "Ja, wir sind im Bilde, aber was sollen wir dagegen machen?"

"Die moldawische Regierung bemüht sich um eine Annäherung an europäische Standards und EU-Beamte vor Ort dringen immer wieder auf Veränderungen. Vielen Dank, Europa."

Türkischer Homosexueller vor Gericht

"Das Beste, was uns je passierte, war, als sie uns verboten," erzählt Emrezan Özen von der türkischen Organisation zum Schutz der Rechte von LGBT, Lambda-Istanbul, beim Seminar in Stockholm.

Im vergangenen Jahr verklagte das Istanbuler Strafgericht Lambda-Istanbul mit der Begründung, das Anliegen der Organisation verstoße "gegen Gesetz und Moral". Das Gericht verzichtete auf eine genauere Definition von "Moral" und ging auch nicht auf den Umstand ein, dass Homosexualität in der Türkei nicht gesetzlich verboten ist. Der Urteilsspruch lautete, Lambda-Istanbul habe die Rechte von Kindern gefährdet.

"Sie warfen uns praktisch vor, wir gingen herum und würden Kinder zu Homosexuellen erziehen," so Özen.

Der Vorfall brachte seiner Organisation weltweite Aufmerksamkeit ein.

"Wir haben Unterstützung von überall erhalten, von Europa, von internationalen Menschenrechtsorganisationen. Und wir haben nun erstmalig einen Rechtsfall dieser Art vor dem türkischen Verfassungsgericht. Sie wissen, dass Brüssel zuschaut," sagt Ozen.

Ozen fügt hinzu, dass die Entscheidung des Gerichtshofes nichts mit der mehrheitlich muslimisch geprägten Gesellschaft in der Türkei zu tun habe.

"Der türkische Staat, seine Institutionen und sein Justizwesen sind laizistisch – in manchmal geradezu übertriebener Weise."

Stolz und Vorurteil Litauen

In Litauen weigerten sich Busfahrer im vergangen Mai, Busse mit LGBT Postern mit Regenbogenmotiven zu lenken. Der Bürgermeister von Wilna verwehrte einem Kampagnen-Auto im Rahmen des Europäischen Jahres der Chancengleichheit für alle eine Fahrt durch die Stadt.

"Um zu verstehen, warum Litauen das homosexuellenfeindlichste Land in der EU ist, muss man in der Geschichte zurückgehen. Während der 50-jährigen sowjetischen Besatzung wurden der Bevölkerung beständig verschiedene Dogmen suggeriert: Es gab keine Kriminellen, keine Behinderten, keine Homosexuellen in der Sowjetunion," so Marija Ausrine Pavilioniene, eine Abgeordnete in Wilna.

"Verstehen und akzeptieren sind zwei verschiedene Dinge," fügt sie hinzu. Litauen, sagt sie, hat seine Versprechen in Sachen Menschenrechte, die es bei seinem EU-Beitritt 2004 gab, nicht eingelöst.

Religiöse Persönlichkeiten, Journalisten und Politiker äußern sich in den Medien freimütig gegen Homosexualität, während die Polizei berüchtigt für ihr Nichteingreifen bei Übergriffen auf homosexuelle Kundgebungen ist.

Aktivisten für die Rechte von Homosexuellen erzählen, dass die Behörden oft "Sicherheitsbedenken" anführten, um den Demonstranten das Leben schwer zu machen.

Europäische Diät

"Die Verhandlungen mit den neuen EU-Mitgliedstaaten waren so ähnlich wie das erste Abendessen mit meinen Schwiegereltern. Man hangelt sich auf Zehenspitzen durch Dossiers, ist nervös und tritt sich gegenseitig auf die Füße," bekennt Hakan Jonsson, der schwedische Staatssekretär für Europaangelegenheiten, der für Schweden bei der Erweiterungsrunde von 2004 am Verhandlungstisch saß.

"Mit dem Unterschied, dass dieses Abendessen fünf Jahre dauerte."

Jonsson berichtet, dass Beamte und Politiker zögerten, sich mit der genauen Definition von "Menschenrechten" zu befassen, wie sie in den EU-Verträgen und Richtlinien erwähnt sind, weil sie wohl fürchteten, eine "Büchse der Pandora" zu öffnen.

Religiöse Gefühle, die öffentliche Meinung und der fehlende Wille, Probleme in den Kandidatenländern klar aufzuzeigen - wenngleich es sich dabei oft um Probleme mit Entsprechungen in den "alten" Mitgliedstaaten handelte -, haben eine offene Debatte erschwert.

Jonsson ist umso froher über die Fortschritte, die seit 2004 erzielt wurden und hebt besonders eine kürzlich vorgeschlagene EU-Richtlinie hervor, die Diskriminierung aufgrund der sexuellen Ausrichtung auf eine Stufe mit Diskriminierung aufgrund der Herkunft, des Geschlechts oder von Behinderung stellt.

Die Europäische Kommission hat im vergangenen Monat ebenfalls einen Gesetzesentwurf vorgelegt, der Gleichbehandlung bei Inanspruchnahme öffentlicher Dienstleistungen, etwa im Gesundheitswesen, im Bereich der Sozialversicherung und im Bildungswesen, beim Einkauf von Produkten oder bei der Nutzung von kommerziellen Diensten sicherstellen soll.

Mit dem Gesetz im Rücken könnte zum Beispiel ein potentieller Mieter einen Vermieter verklagen, der ihm oder ihr die Anmietung einer Wohnung aufgrund von Hautfarbe oder sexueller Ausrichtung verweigert.

Die französische EU-Präsidentschaft hat die Antidiskriminierungsrichtlinie zu einer ihrer Prioritäten erhoben, mit dem Ziel, das Gesetz beim Europäischen Rat im Dezember zu verabschieden.

Partytime in Stockholm

Zurück zur EuroPride 2008 in Stockholm. Eine bunte Menge säumte die Protestparade im Stadtzentrum. Fast eine halbe Million Zaungäste reckten die Hälse, um einen Blick auf den Regenbogen-geschmückten, von lauter Musik begleiteten Zug zu erhaschen.

Dieses Jahr war erstmals die schwedische Feuerwehr - von Komikern als die letzte Bastion schwedischer Machos karikiert - mit von der Partie.

Ein Feuerwehrwagen und eine lächelnde, komplett uniformierte Abordnung der Feuerwehr schritt neben Polizisten, Krankenwagenfahrern und Küstenwächtern in der "112 Abteilung" – der Notrufnummern-Abteilung –bei der Parade mit.

"Wir bei der Feuerwehr tun uns schwer mit Pluralismus," so Brandmeister Jan Wisen. Er ermutigt junge Leute in seinem 400-Mann starken Team, sich zu ihren Neigungen zu bekennen.

"Statistisch gesehen erscheint es nicht plausibel, dass keiner von ihnen homosexuell ist. Die Tatsache, dass es keine homosexuellen Outings gibt, könnte als Signal dafür gewertet werden, dass die Feuerwehr als tendenziell homosexuellenfeindlich eingestuft wird. Dies müssen wir ändern."