Tuesday

25th Apr 2017

Feature

Fake-News Jäger bereiten sich auf französische und deutsche Wahlen vor

  • Marine Le Pen hält während der ersten TV-Debatte zur Präsidentschaftswahl eine Graphik hoch

Das Büro des deutschen Journalistenkollektivs Correctiv scheint etwas überfüllt zu sein.

Die in Ost-Berlin gelegene Redaktion verfügt über einen Bühnenbereich, auf dem vor kurzem noch ein Fotoshooting stattfand. Ansonsten besteht die Einrichtung aus stapelweise Büchern, einer britischen Telefonzelle, Second-Hand-Möbeln und modernen Designstücken.

  • Das deutsche Journalistenkollektiv Correctiv

Als EUobserver vor kurzem Correctiv einen Besuch abstattete, plante gerade eine Gruppe von exilierter türkischen Journalisten in einer Ecke ein neues Projekt.

Aber es wird gerade Platz für weitere Leute geschaffen um ab Anfang April ein Team von vier bis fünf Fact-Checkern zu beherbergen, die vor der deutschen Bundestagswahl im September Fake News suchen und zu widerlegen versuchen werden.

Der Journalist und Gründer von Correctiv, David Schraven, sagt, dass es ein Kinderspiel gewesen sei den Fact-Checking-Dienst aus der Taufe zu heben und erklärte weiter:

"Desinformationen sind eine echte Bedrohung für unsere Gesellschaft. Wir machen das hier, weil wir wollen, dass die Menschen am Wahltag ihre Entscheidung auf Grundlage von Tatsachen treffen.“

Der US-Wahlkampf von Donald Trump, der von wilden Anschuldigungen und Verschwörungstheorien in oftmals parteiischen Randmedien geprägt war, hat Sorgen befeuert, dass auch die Wähler in Europa durch im Internet verbreiteten Unsinn in ihrem Wahlverhalten beeinflusst werden könnten.

Insbesondere Frankreich, das Präsidentschaftswahlen im April und Mai sowie Parlamentswahlen im Juni abhält als auch Deutschland mit Bundestagswahlen im September zeigen sich besorgt. Beide Länder üben daher Druck auf Social-Media-Unternehmen aus, gegen Fake-News vorzugehen, die in den Netzwerken weite Verbreitung finden.

Vor dem Hintergrund einer drohenden Regulierung hat sich insbesondere Facebook dazu durchgerungen sich mit der eigenen Rolle im Aufkommen von extremistischen Sichtweisen zu beschäftigen.

"Wir hatten angenommen, dass das Verbinden von Menschen, gute Dinge hervorbringen würde. Diese Sichtweise sehen wir nun zunehmend differenzierter", erklärte Facebooks Direktor für Politik in Europa, Richard Allen, auf einer kürzlich abgehaltenen Konferenz im Europäischen Parlament.

Das soziale Netzwerk sagte, dass diejenigen Nachrichten gelöscht würden, die die eigenen Regeln brechen würden. Dies beziehe sich zum Beispiel auf solche, die zu Hass aufriefen oder von Personen mit falschen Identitäten veröffentlicht würden.

Jedoch löscht das US-Unternehmen keine Artikel, die nicht wahr sind.

"Das gilt unter anderem für einige religiöse Überzeugungen oder gesundheitsbezogene Aussagen: Die Leute sind absolut dazu berechtigt diese zu teilen, solange sie damit nicht die Grenze zum Beispiel zur Volksverhetzung überschreiten würden," sagte der Facebook-Chef. Für einige Politiker geht dies aber nicht weit genug. Sie fordern daher, dass sämtliche Fake-News gelöscht werden.

Facebook fördert ausserdem die Medienkompetenz seiner Nutzer und kooperiert mit externen Fact-Checkern bei weiteren Initiativen zu diesem Thema.

Im Rahmen eines Pilotprojekts, das nächste Woche in Deutschland anläuft, werden Facebook-Nutzer dazu aufgerufen, dubiose Geschichten zu melden. Diese werden dann zur Überprüfung an Correctiv übermittelt.

Im Falle, dass die Fact-Checker die Geschichte als unwahr befinden, verpflichtet Facebook sich seinen Algorithmus so anzupassen, dass die Geschichte weiter unten in den Feeds der Nutzer auftaucht.

Das US-Unternehmen hat bereits Anfang März ein ähnliches Projekt in Frankreich ins Leben gerufen.

Les Decodeurs

Unter den 30 teilnehmenden Medien befindet sich auch die bekannte französische Tageszeitung Le Monde, die bereits 2014 eine eigene Fact-Checking-Abteilung mit dem Namen Les Decodeurs aus der Taufe gehoben hat.

Im Gespräch mit EUobserver meinte der Le Monde Journalist Maxime Vaudano, dass sich bis jetzt die Anzahl der im System gemeldeten Fake-News noch in Grenzen hält.

"Es ist aber nicht so, dass es keine gibt. Vielmehr ist das Facebook-Instrument noch ziemlich neu und die Menschen haben noch keinen Reflex entwickelt [Fake-News] zu melden,“ so Vaudano. Weitergehend schränkte er ein, dass Les Decodeurs nur die "sich schnell ausbreitende Geschichten, welche auf mindestens drei Webseiten veröffentlicht wurden“ überprüft.

Französische und deutsche Sicherheitsdienste hatten bereits zuvor gewarnt, dass Russland mit seiner Online-Propagandamaschinerie versuche die Wahlen zu beeinflussen, wie es auch in den USA zu Gunsten Donald Trumps geschehen war.

Aber bis jetzt scheint es so, als ob die meisten dubiosen Geschichten von Anhängern der französischen Mainstream-Parteien selbst stammen.

So hatte der Mitte-Rechts Kandidat Francois Fillon vergangene Woche den amtierenden Präsidenten Francois Hollande beschuldigt, dass er angewiesen habe Hinweise an die Medien durchsickern zu lassen um ihm zu schaden. Aber er könnte die Nachrichten auch einfach im Internet gelesen haben, wo diese unbegründeten Vorwürfe gegenüber Hollande seit Wochen die Runde machen.

Einige parteiische Webseiten beschuldigten daneben auch "die Medien" Partei zu ergreifen. So würden sie auf der einen Seite nur wenig über den Streit des sozialistischen Präsidentschaftskandidaten Benoit Hamon schreiben, wohingegen sie aber auf der anderen Seite lange Artikel über Fillons Skandale verfassen würden.

Wie Le Monde jedoch in einem Leitartikel darlegte, sind die beiden Fälle ganz unterschiedlich zu gewichten. Hamon wurde beschuldigt, jemanden auf Twitter beleidigt zu haben, wohingegen Fillon die Veruntreuung öffentlicher Gelder vorgeworfen wird.

Ferner wurde der gemäßigte Kandidat Emmanuel Macron Zielscheibe russischer Propaganda.

So wurde vor einiger Zeit im russischen Fernsehen behauptet, dass er möglicherweise schwul sei, was umgehend zu einer Verbreitung des Gerüchts in den sozialen Medien führte.

Vaudano weist darauf hin, dass solche Nachrichten sowieso nicht von Fact-Checkern überprüft werden könnten. Schlussendlich dementierte Macron die Behauptung.

Zunehmende Enthüllungen

Ungeachtet ihres wirklichen Einflusses auf die öffentliche Meinung, kommen Fact-Checking-Projekte zunehmend in Mode.

So startete vor kurzem auch das vom russischen Staat geförderte Fernseh-und Onlinenachrichtenportal RT, dem nachgesagt wird ein Sprachrohr des Kremls zu sein, seine eigene Version.

Politiker haben damit begonnen die Fact-Checker zu überprüfen.

Während der ersten Fernsehdebatte zwischen den einzelnen Bewerbern für das französische Präsidentenamt erläuterte die rechtsextreme Anti-EU Kandidatin Marine Le Pen eine Grafik.

Die Grafik, die auf OECD Daten basierte, zeigte wie sich die deutsche Industrieproduktion nach der Einführung des Euro 2001 positiv entwickelt hatte, wohingegen die französische Industrieproduktion sank.

Les Decodeurs verurteilten dies jedoch als "Manipulation" und äußerten in Richtung von Le Pen, dass es falsch gewesen sei 2001 als Basisjahr zu verwenden, da hierdurch dessen Bedeutung fälschlich nach oben verzerrt würde.

Die Le Monde-Abteilung veröffentlichte eine weitere Grafik, die 2010 als Basisjahr wählte und in der Folge eine andere Entwicklung zeigte. Darauf war zu erkennen, dass die Höhe der deutschen Produktion von den Arbeitsmarktreformen und Sozialleistungskürzungen im Rahmen der Agenda 2010 sowie von der einheitlichen Währung beeinflusst wurde.

Le Pen erwiderte in ihrem Blog, dass die Kritik an ihrem 2001 Vergleich ungerechtfertigt sei und bezeichnete die Journalisten als unpatriotisch.

Erwartungsgemäß konnte Le Monde die Anhänger von Le Pen nicht überzeugen.

Eine Anhängerin schrieb auf der Facebook-Seite der rechtsextremen Politikerin: "Ich bin mir sicher, dass sie in Bezug auf den Euro und das Schließen der Grenzen recht hat. Mein Ehemann ist vor zwei Jahren entlassen worden. Die Fabrik ist nach Polen verlagert worden und bald werden seine Sozialleitungen gekürzt. Wir wissen nicht, was wir tun sollen. Ich stimme ihnen [Le Pen] hundertprozentig zu, dass es an der Zeit ist die Dinge zu ändern.“

Ein weiterer Fan fügte hinzu: "Was Journalisten nicht verstehen ist, dass wir Marine an die Macht bringen wollen, da sie ihre eigenen Entscheidungen treffen wird, ohne darüber nachzudenken, was andere darüber denken."

Vaudano, mit dem EUobserver vor der ersten Fernsehdebatte sprach, meinte, dass er sich der Grenzen des Fact-Checking bewusst sei.

"Wir versuchen nicht diejenigen zu überzeugen, die nicht an Tatsachen glauben wollen, sondern versuchen diejenigen zu warnen, die es tun," sagte er.

Gefälschte Fake-News

Aber wie steht es um die Objektivität von Le Monde selbst?

Die französische Tageszeitung brandmarkte Le Pens Grafik als Fake-News ohne dabei zu erwähnen, dass viele Experten der Ansicht sind, dass Deutschland vom Euro profitiert hat. Streng genommen handelt es sich also auch hier um einen tendenziösen Artikel. Wäre es daher nicht besser mit Marine Le Pen zu diskutieren anstatt ihre Grafik als falsch zu deklarieren?

Les Decodeurs hatten schon früher Kritik auf sich gezogen als sie das linke Magazin Fakir als "unzuverlässig" einstuften und gleichzeitig dieZeitschrift Valeurs Actuelles, die der Förderung von reaktionären und rechtsextremer Ansichten beschuldigt wird, als voll glaubwürdig bezeichneten.

David Schraven, der Gründer von Correctiv in Deutschland, sagte, er sei sicher, dass es Fehler geben werde, wenn man mit dem Fakt-Checking beginne.

"Shit happens. Aber dann ist es notwendig, dass wir das besprechen, verschiedene Sichtweisen darlegen und schließlich die Öffentlichkeit entscheiden lassen," sagte er ohne sich dabei direkt auf Le Monde zu beziehen.

Er meinte jedoch, dass die Fallstricke, die seine Arbeit birgt nicht bedeuten würden, dass kein positiver Beitrag zur Transparenz in den Medien geleistet werden könnte.

"Es gibt Fake-News da draußen, denen die Leute ihren Glauben schenken und dann darauf basierend Entscheidungen treffen. Ich möchte nicht nur rumsitzen und auf die perfekte Definition für Fake-News warten. Das können andere Leute machen. Ich kümmere mich um das Problem," so Schraven.

Dieser Artikel wurde ursprünglich auf englisch veröffentlicht. Die Originalversion finden Sie hier.

This article was originally published in English. You can find the original version here.

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